19530320 Hugo Kauder aan Matthijs Vermeulen

Hugo Kauder

aan

Matthijs Vermeulen

Kew Gardens, New York (USA), 20 maart 1953

20. März 1953.

Sehr geehrter Herr Vermeulen:

Seit jahren lese ich mit interesse Ihre aufsätze in De Groene Amsterdammer, die ich gelegentlich von hier lebenden holländischen freunden bekomme. So unlängst den über "Dodekaphonie". Ihrer kritik der "Zwölftonmusik" stimme ich von ganzem herzen zu: auf den bloß mechanischen zwölfteilung der oktave beruhend, in absoluter tonaler indifferenz bestehend, entbehrt sie die bewegende Kraft die in der Gravitation nach einem tonalen centrum besteht und entbehrt daher das was bisher – und bis in alle zukunft – das eigentliche wesen der musik war und immer sein wird: Leben, organisches wie geistiges.

Jedoch ist eine dodekaphonie möglich – und längst existent – die auf dem entgegengesetzten prinzip beruht: der ausdehnung der diatonischen tonalität auf alle 12 töne so dass keiner davon bloß durch chromatische alteration abgeleitet ist und doch alle Einem grundton zugeordnet sind. Das geschieht, auf die einfachste weise, durch kombination der dur-skala mit ihrer strickten umkehrung:

[muziekvoorbeeld]

(in dieser anordnung erscheint der grundton als die mitte, die beiden dominanten als gegenpole).

Diese "doppelskala" beruht auf dem weltprinzip der polarität, aus dem alle bewegung im universum, alles organische leben auf erden herkommt. Sie hat elf töne; der fehlende 12te (die übermäßige quart oder verminderte quint des grundtons) kann leicht eingeführt werden als leitton der ober- oder unterdominante – das sind sogar 13 töne.

Ein kleines beispiel lege ich hier bei.

Übrigens hab ich die idee der doppelskala, als der letzten konsequenz einer neuen – oder uralten – idee der skala, in einer kleinen theoretischen schrift entwickelt (Entwurf einer neuen Melodie- und Harmonielehre, Universal-Edition, 1932), die keinerlei beachtung gefunden hat und seit jahren vergriffen ist. (Ich habe zu bemerken dass ich kein theoretiker bin sondern praktischer musiker – die geistige situation der musik in der heutigen welt zwingt den künstler auch denker zu sein – Sie wissen es aus eigner erfahrung. Was von meiner musik gedruckt ist – größtenteils frühere sachen – gibt keinen aufschluss über die wirkliche art meiner musik seit ca. 24 jahren).

Auf eine ganz andere, einfache und geistreiche, art gelangt zu einer diatonischen dodekaphonie der Ihnen und auch mir befreundete Ernst Levy: im ersten satz seiner 11ten u. 12ten symphonie beginnt er eine fuge in dem er das ganz diatonische thema in der übermäßigen quart beantwortet, jedoch ohne daraus für den weiteren verlauf eine regel zu machen; das ergibt schliesslich eine art "pan-tonalität", die jedoch wesentlich diatonisch bleibt.

Es liesse sich noch manches sagen, doch will ich mich kurz fassen. Diese mitteilung möge Ihnen nur ein zeichen des interesses sein das Ihr aufsatz – wie schon mancher frühere – in mir erregt hat.

Ihr sehr ergebener

Hugo Kauder

Hier das kleine beispiel für die anwendung der doppelskala (aus einem trio für zwei violinen und viola):

[muziekvoorbeeld]

Verblijfplaats: Amsterdam, Bijzondere Collecties UvA